Tabuthema Harninkontinenz?

Edelgard Frerks-Merseburger (60) ist eine sehr aktive Frau, beruflich in ganz Deutschland unterwegs, fährt sie in der Freizeit regelmäßig Drachenboot und betreibt weitere Sportarten. Vor drei Jahren spürt sie, dass die Blase tröpfelt. Noch ein Jahr wartet sie ab, dann entscheidet sie sich: für eine OP.

Die Gründe einer Harninkontinenz sind vielfältig, wegen des Alters, aufgrund einer angeborenen Fehlbildung, eines Unfalls oder Geburten – rund neun Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Harninkontinenz, ermittelte die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft. Doch offen darüber gesprochen wird selten, darum reden Experten auch von der „verschwiegenen Volkskrankheit“. Frauen leiden häufiger daran: „Etwa ein Drittel sind von der senkungsbedingten Harninkontinenz – auch Belastungs- oder Stressinkontinenz genannt – betroffen“, berichtet Dr. med. Michael König, Oberarzt der Frauenklinik am Marienkrankenhaus und spezialisiert auf die Behandlung von Harninkontinenz.

Kann wieder voll durchstarten: Edelgard Frerks-Merseburger bei ihrem Hobby Drachenbootfahren.

Die ersten Beschwerden traten beim Hallensport auf, „die Blase tröpfelte, das war vor etwa drei Jahren“, sagt Edelgard Frerks-Merseburger. Die sportliche Frau fährt zudem Drachenboot, trainiert zweimal die Woche, hat an der Deutschen Meisterschaft teilgenommen, im August 2013 sogar an der Europameisterschaft. Doch nicht nur in der Freizeit bereitet die Blase Probleme, jobbedingt sitzt die Hamburgerin häufig im Auto, sie überführt diese innerhalb Deutschlands. „Der Drang war schon da, zur Toilette zu gehen, aber am stärksten war er beim Laufen und Husten“, berichtet sie. „Ich habe grundsätzlich Einlagen getragen.“

  • Harninkontinenz – Problem in Tropfenform

    Die Blase kann etwa 300 bis 500 Milliliter Harn fassen – sie besteht aus Muskulatur und Schleimhaut und kann sich darum stark dehnen. Füllt sie sich, melden Nervensignale den Harndrang ans Gehirn. Ein ausgeklügeltes ‚Verschlusssystem’, wozu auch die Beckenbodenmuskulatur gehört, sorgt dafür, dass der Urin willentlich zurückgehalten werden kann. Eine Inkontinenz tritt in verschiedenen Ausprägungen auf, eine Belastungs-/Stressinkontinenz etwa wird häufig durch eine abgesenkte Gebärmutter hervorgerufen, das kann durch schwere Geburten passieren, auch Übergewicht oder falsche Belastung wie schweres Heben können Auslöser sein. Besonders beim Husten, Lachen und Anheben schwerer Dinge passiert es: Man verliert Urin. Der geschwächte Beckenboden unterstützt den Blasenschließmuskel zu spät. Bei der Drang-Inkontinenz, der überaktiven Blase, tritt der Harndrang plötzlich auf, oft in kurzen Zeitabständen. Und es kommt auch schon mal zum unwillkürlichen Harnabgang vor Erreichen des Örtchens. Man traut sich kaum aus dem Haus, und kann oft nicht durchschlafen. Sie nimmt im Alter zu. Vermutet wird, dass Östrogenmangel die Schleimhäute der Blase empfindlicher machen. Auch eine Mischform von Belastungs- und Dranginkontinenz wird häufiger diagnostiziert.

Nach einer Weile verschlechtert sich die gesundheitliche Situation. „Meine Blase hat sich gesenkt. Ich merkte direkt: Es riss etwas. Auch auf der Toilette hatte ich das Gefühl, ich kann meine Blase spüren.“ Etwa ein Jahr wartet sie ab, geht dann zur Frauenärztin. „Die bestätigte mein Gefühl und stellte fest, dass sich die Blase deutlich gesenkt hatte.“ Der Oberarzt der Frauenklinik mit Beckenbodenzentrum, Dr. med. Michael König, erklärt: „Ist die Blase stark gesenkt, so kann es durchaus sein, dass Frauen diese spüren beim Toilettengang, oft sind es auch Teile der Scheidenwand. Man kann das abgesenkte Gewebe unter Umständen selbst ertasten.“

Die Gynäkologin rät ihr, die Blase operativ anheben zu lassen, und einen Termin zur Voruntersuchung im Marienkrankenhaus zu machen. „Doch man geht nicht sofort, das geht sicher vielen Menschen so, man wartet, auch wenn die Beschwerden einen belasten“, berichtet die 60-Jährige. Aber irgendwann wird der Leidensdruck zu groß: „Jetzt lass’ ich das machen, sagte ich mir dann.“

Zwei Operationen sind notwendig

Über den ersten Eingriff berichtet die Hamburgerin: „Nach der ersten OP war ich drei Tage im Krankenhaus. Man muss ein bisschen vorsichtig sein, darf nicht schwer heben, soll viel trinken. Beim Wasserlassen hatte ich überhaupt keine Schmerzen.Aber späterhin senkte sich die Blase wieder, und das Wasserlassen war schwieriger als zuvor.“ Im Januar 2013 wird sie das zweite Mal operiert und eine Netzeinlage wird eingesetzt.

Dr. König erklärt zu den Eingriffen: „Wird operiert, stehen häufig zwei Operationen an. Zunächst greift die Beckenbodenchirurgie, das heißt der Beckenboden wird gegebenenfalls mit Hilfe eines Netzes rekonstruiert. Danach erst erfolgt die
eigentliche Inkontinenz-Chirurgie. Hierbei wird beispielsweise ein elastisches Band eingesetzt, gegen dass sich die Harnröhre abdrücken kann – so dass sie wieder ein Wiederlager als Ersatz für das Bindegewebe hat. Diese OP kann minimalinvasiv durchgeführt werden. Und nach drei Tagen inklusive OP-Tag ist man wieder draußen. Wird der Beckenboden etwa mit einer  Netzeinlage rekonstruiert, muss man gut mit vier bis fünf Tagen rechnen – und man sollte sich danach sechs Wochen schonen, so dass das Netz sich gut mit dem eigenen Gewebe verbindet.“ Weiter erklärt der Mediziner, weshalb diese Operationen nicht in nur einem einzigen Eingriff zusammengefasst werden können: „Es ist erfolgsversprechender, zwei Eingriffe anzusetzen, denn dreht man an zu vielen Stellschrauben auf einmal, um es salopp auszudrücken, ist das Risiko höher, dass das Ergebnis – ein gut rekonstruierter Beckenboden, Blase, Gebärmutter und Harnröhre wieder an ihrer angestammten Position und kein ungewollter Urinverlust mehr – leidet.“

Dr. M. König

Dr. M. König

  • Zusatzqualifikationen

    • Schwerpunktbezeichnung Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin
    • Dopplersonographie
    • DEGUM I - Gynäkologie und Geburtshilfe
    • Zertifizierung Advanced Firsttrimester Screening (NT-Messung)
    • Kolposkopiediplom
    • MIC I Endoskopie (Minimal-Invasive Chirurgie)
    • Leitung der urogynäkologischen Sprechstunde
  • Mitgliedschaft in Fachgesellschaften

    • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
    • Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)
    • Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM)
    • Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Endoskopie (AGE)
  • Besondere Erfahrungen

    • Tutor und Referent beim Kurs Dopplersonographie in der Gynäkologie und Geburtshilfe nach den Richtlinien der KBV und der DEGUM, Marienkrankenhaus Hamburg
    • Referent bei "Perinatologie von 8 bis 8", Marienkrankenhaus Hamburg
  • Lebenslauf

    Seit 02/2015 Oberarzt in der Frauenklinik am Marienkrankenhaus Hamburg
    02/2015 Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
    02/2015- 01/2014 Funktionsoberarzt in der Frauenklinik am Marienkrankenhaus Hamburg
    2013 Promotion am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
    2009-2013 Assistenzarzt in der Frauenklinik am Marienkrankenhaus Hamburg, Facharztweiterbildung in der Gynäkologie und Geburtshilfe
    2009 Approbation als Arzt
    2003 - 2009 Studium der Humanmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
    1982 geboren in Hamburg
  • DIE Therapie gibt es nicht

    Eine Belastungsinkontinenz, wie im beschriebenen Fall, ist die am weitesten verbreitete Form, gefolgt von der Dranginkontinenz oder Mischformen davon. „Etwa 8 von 10 betroffenen Frauen haben eine Belastungsinkontinenz, oder sie ist zumindest am Krankheitsbild beteiligt. 3 von 10 leiden an einer reinen Dranginkontinenz“, so Dr. König. Dranginkontinenz-Patientinnen kämen häufig schon mit 20 bis 35 in die Praxis mit dem Problem der berühmten Reizblase. Oder ab 60, wenn der Östrogenmangel zur Atrophie der Schleimhäute führe, was auch eine Reizblase auslösen könne. „Die Therapie existiert nicht, ob konservativ oder operativ, sie wird immer individuell an das Krankheitsbild der Patientin angepasst. Allein im Bereich der Inkontinenz-Chirurgie stehen uns über 30 verschiedene Operationsmethoden zur Verfügung“, erklärt König.

Den Beckenboden gut trainieren 

„Nach der zweiten OP ist es besser geworden. Ich muss nun allerdings mein Leben lang Hormonzäpfchen nehmen, um die Netzeinlage elastisch zu halten. Und eventuell muss noch die Harnröhre verlegt werden, das heißt, ich bräuchte eine dritte OP“, berichtet Edelgard Frerks-Merseburger. Was vorbeugend und auch nach einer OP wichtig ist, um die Kontinenz zu erhalten: die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. „Trotz meiner Bauchmuskeln durchs Paddeln hat mir die Beckenbodengymnastik bei einer Physiotherapeutin viel gebracht. Man lernt Muskeln anzuspannen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie da sind! Man lernt Übungen fürs Liegen, Sitzen, Stehen und diese in den Alltag einzubauen“, spricht sich die Hamburgerin positiv zur Wirkung der speziellen Übungen aus.

Auch Gynäkologe Dr. König empfiehlt die von Fachleuten angeleitete Gymnastik: „Was sicher kein Fehler ist, und was wir als Prophylaxe empfehlen: den Beckenboden frühzeitig trainieren. Das hat in jedem Fall bessere Operationsvoraussetzungen zur Folge. Wenn die Inkontinenz doch eintritt, wird der Zeitpunkt öfter nach hinten verlagert. Aber das muss man auch sagen: Eine Bindegewebsschwäche kann man nicht wegtrainieren.“

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